Erziehung muss sein

Der richtige Baumschnitt auf der Streuobstwiese

von Hans-Joachim Bannier
 

Blühende Obstwiese

Damit Obstbäume solch schöne Kronen ausbilden, müssen sie vor allem in jungen Jahren regelmäßig geschnitten werden.

Nach den Rodungsorgien der 60er und 70er Jahre werden seit etwa zwanzig Jahren wieder vermehrt Obstwiesen mit hochstämmigen Bäumen neu angelegt. Für den Erfolg einer Obstbaumpflanzung ist eine regelmäßige Pflege gerade in den ersten Jahren unerlässlich. Dazu gehört auch der Baumschnitt.

Hochstamm-Obstbäume sind langlebige Gehölze, die ein Ertrags- und Lebensalter von fünfzig bis einhundert Jahren erreichen. Im Vordergrund steht in den ersten Jahren nicht der Fruchtertrag, sondern ein zügiger Aufbau des Kronengerüsts. Dieses kann bei Hochstammobstbäumen später einen Durchmesser von sieben bis zwölf Metern erreichen. Die Ertragsphase bei diesen Obstgehölzen beginnt in der Regel ab dem 7. bis 12. Standjahr und hat ihren Höhepunkt oft erst im Alter von 30 bis 50 Jahren.

Warum schneiden?

Pflanzschnitt

Bereits der Pflanzschnitt legt die Grundlage für die richtige Kronenbildung.

Der jährliche Schnitt junger Hochstämme fördert wesentlich das Wachstum, den Aufbau eines langfristig stabilen Kronengerüstes sowie die Entwicklung breiter, gut belichteter und gut beerntbarer Baumkronen. Unterbleibt dagegen der Schnitt in den ersten Jahren, tragen die Bäume unter Umständen zwar schneller erste Früchte, kümmern allerdings im Wachstum und vergreisen vorzeitig.

Aus dem Erwerbsobstbau abgeschaute Tricks und Kniffe zur Erzielung eines vorzeitigen Fruchtansatzes wie das Waagrechtbinden von jungen Trieben kommen allenfalls bei niedrigen Baumformen im Haus- und Kleingarten in Betracht. Auf der Obstwiese, wo es um die Entwicklung stattlicher, großer Baumkronen geht, können sie dazu führen, dass die jungen Hochstämme zu früh im Wachstum ausgebremst werden.

Krone in Pyramidenform
Als Kronenform für die Streuobstwiese hat sich die so genannte Pyramidenkrone bewährt. Sie besteht aus der Stammverlängerung und drei bis vier gut verteilten Leitästen beziehungsweise Gerüstästen, an denen wiederum Seitenäste und Fruchtholz angeordnet sind.
 

 Vor und nach Schnitt, 5. Standjahr

Obstbaum im fünften Standjahr, vor und nach dem Schnitt.

Die Leit- oder Gerüstäste bleiben über die gesamte Lebenszeit des Baumes erhalten, ihnen gilt bei der Erziehung besonderes Augenmerk. Sie werden bereits beim Pflanzschnitt oder im nachfolgenden Jahr ausgewählt und sollten optimal im 45- bis 50-Grad-Winkel zum Stamm stehen. Stehen sie zu steil, spreizen wir sie mittels Spreizhölzern nach außen, da sonst keine breite Krone entsteht. Stehen die Leitäste zu flach, binden wir sie hoch, weil sie sonst frühzeitig im Wachstum nachlassen und sich senkrechte Seitentriebe bilden würden.

Die ersten Jahre
Jedes Jahr sollten die Leitäste sowie die Stammverlängerung um ein bis zwei Drittel zurückgeschnitten werden. Bei starktriebigen Jungbäumen wird etwas weniger, bei schwachtriebigen stärker zurückgeschnitten. Bei ausgebliebenem Neutrieb schneidet man sogar bis ins vorjährige Holz zurück.
 
 

Vor und nach Schnitt, 8. Standjahr

Vor und nach dem Schnitt im achten Standjahr.

Der Rückschnitt erfolgt jeweils auf außen, also unten stehende Knospen. Dabei werden die Leitäste untereinander alle etwa in gleicher Höhe eingekürzt ("Saftwaage"), die Stammverlängerung knapp darüber. Wird der Stammverlängerung zu viel Vorsprung eingeräumt, wie man dies häufig auf Obstwiesen beobachten kann, bleiben die vorgesehenen Leitäste sofort im Wachstum zurück und es bilden sich weiter oben neue kräftige Seitentriebe als Leitäste aus. Die Krone wandert nach oben und eine spätere Pflege und Beerntung wird erschwert.

Mit den sich an den Leitästen bildenden Seitentrieben wird wie folgt verfahren: Die senkrecht und zur Mitte wachsenden Triebe auf der Oberseite der Leitäste werden an ihrer Basis entfernt. Für die nach außen stehenden Seitentriebe - auf der Unterseite der Leitäste - gilt: schwächere und waagrecht stehende können ungeschnitten als Fruchtholz verbleiben, stärkere werden gegebenenfalls eingekürzt, jedoch deutlich unter der Leitastverlängerung. Ähnlich verfährt man mit dem an der Stammverlängerung entstehenden Seitenholz: Waagrechte und schwache Triebe können ungeschnitten am Baum verbleiben, starke und steilstehende Triebe dagegen werden am Stamm entfernt.

Erfolgskontrolle Austrieb
Ob unsere Schnittmaßnahmen erfolgreich waren, können wir daran ersehen, wo der junge Baum seinen stärksten Austrieb gemacht hat. Leitast- und Stammverlängerung sollten gegenüber allem sonstigen Seitenholz nicht nur den stärksten Neuaustrieb aufweisen, sondern auch das stärkste Dickenwachstum. Nur so erreichen wir den zügigen Aufbau eines Kronengerüsts der Pyramidenkrone.

 Frostriss

Nicht nur auf den Schnitt kommt es an: Solche gefährlichen Frostrisse lassen sich durch einen Schutzanstrich mit Kalk vermeiden.

Eine kräftige Baumentwicklung nach oben beschriebenem Muster vorausgesetzt, werden Kurzholz und kurze Fruchtspieße grundsätzlich nicht entfernt und auch nicht angeschnitten. An diesen Trieben wird der junge Obstbaum seine ersten Früchte tragen. Nur wenn aus irgendwelchen Gründen ein junger Baum gänzlich im Wachstum versagt, entfernen wir auch kurzes Fruchtholz, schneiden Kurztriebe an und entfernen im Extremfall sogar Blütenknospen, um mit all dem das Wachstum anzuregen.

Der Baum wird erwachsen
Ist der junge Obsthochstamm kurz davor, seinen anvisierten Kronendurchmesser zu erreichen und damit den vorgesehenen Standraum auszufüllen, beschränken wir uns auf reines Auslichten: Triebe, die zu dicht stehen, von den Seitentrieben oberseits ins Innere der Krone zurückwachsen oder stark nach unten hängen, werden an der Basis entfernt oder auf günstig stehende Nebentriebe "abgeleitet". Dabei ist zu beachten, dass der Obstbaum in seiner fruchttragenden Phase in einem Gleichgewicht zwischen Holzbildung und Fruchten bleibt. Als Faustregel kann man bei durchschnittlichen Jahrestrieben von 20 bis 30 Zentimetern Länge von einem gesunden Gleichgewicht sprechen
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